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Die ewig gleiche Geschichte

Weiber

Hannelore schob den zerfaserten Strohhut ins Genick und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann hoppelte sie samt dem Schemel ein Stück weiter und zog den Kübel mit den Ribiseln nach. 'Nur noch diese eine Staude', schwor sie sich.
 
Die beiden Frauen auf der Terrasse, im Schatten des Sonnenschirms, beobachteten gelangweilt Hannelores Beerenpflücker-Tätigkeit.
"Eines muss man deiner Schwiegermutter lassen, - tüchtig ist sie. Allein dieser Garten! Ich möchte ihn nicht geschenkt", sagte Ines und langte nach dem Glas mit dem Eiskaffee.
"Den hat sie doch selber angelegt. Daniel wollte keinen, aber als sie hierher zog, hat er sie einfach machen lassen." Monika knabberte genüsslich an ihrer Eiswaffel. "Sie lässt sich nicht helfen. Ich stehe ihr nur im Weg, - sagt sie."
"Sie ist wohl auch so ein Kontroll-Mensch." Ines rückte sich einen zweiten Sessel zurecht und platzierte ihre Beine darauf.
"Das kannst du laut sagen. Jeden Tag will sie wissen, was ich für ihren Sohnemann zu kochen gedenke. Dann wieder findet sie das eine oder andere Hemd nicht sorgfältig genug gebügelt. Sie hängt meine Wäsche um, weil ich sie angeblich nicht richtig aufhänge, und letzthin habe ich sie sogar dabei erwischt, wie sie in unserem Schlafzimmerschrank herumschnüffelte."
"Was?! - Und das lässt du dir gefallen?"
Monika zuckte gleichmütig mit den Schultern. "Soll ich deswegen einen Streit anfangen? Da würde doch nur ich den Kürzeren ziehen."
"Also, - meine Schwiegermutter könnte da was erleben! - Wenn ich eine hätte", setzte Ines grinsend hinzu. Sie wedelte hektisch mit beiden Händen, als eine Wespe ihren Kopf umsurrte. "Diese Biester sind doch überall!", schimpfte sie, während sie den tierischen Miniaturhubschrauber, der ein neues, entfernteres Ziel ansteuerte, mit den Blicken verfolgte. Plötzlich beugte sie sich vor. "Ach, übrigens, weißt du schon das Neueste?" Eine kleine Spannungspause, ehe sie glucksend die Sensationsmeldung abfeuerte: "Linda ist wieder solo. Ihr Herzallerliebster hat sich eine andere angelacht."
Monika tat erst einmal geschockt, stimmte aber bald in Ines' Heiterkeitsausbruch mit ein. Während der nächsten Minuten schnatterten die beiden Frauen ausgiebigst und mit mehr oder weniger offen gezeigter Schadenfreude über Lindas unglückselige Beziehungen zum männlichen Geschlecht. Wahrscheinlich klingelten der abwesenden Freundin noch in weiter Ferne gehörig die Ohren.
 
"Darf ich mich einen Moment zu euch in den Schatten setzen?"
Ines nahm sofort ihre Beine vom Stuhl. "Sie Ärmste! Bei dieser Hitze Beeren pflücken!"
Hannelore machte eine abwehrende Geste und ließ sich in den Sessel plumpsen. "Es zwingt mich ja keiner."
Ines schielte in den gefüllten Eimer. "Machen Sie damit wieder diese köstliche Marmelade? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur daran denke."
Hannelore nickte. Plötzlich fiel ihr etwas ein. "Ich hätte noch ein oder zwei Gläser vom letzten Jahr im Keller. Wenn Sie die haben möchten ...?"
"Da sage ich nicht nein."
Mit einem leisen Ächzen stand Hannelore auf, packte den Kübel mit den Ribiseln und verschwand um die Hausecke.
"Man kann fast nicht glauben, dass sie solch ein Drachen ist," meinte Ines sinnierend. "Zu mir ist sie immer sehr nett."
"Du hast ihr ja auch nicht ihren heißgeliebten Sohn abspenstig gemacht." Monika schaute düster drein. "Glaub mir, es ist nicht leicht, hier, im selben Haus mit ihr zu leben."
Ines streckte sich und gähnte ungeniert. Als sie Monikas Blick auffing, fühlte sie sich zu einem Kommentar genötigt: "Tja, - die ewig gleiche Geschichte: Schwiegermutter und Schwiegertochter ...! Noch dazu unter einem Dach, das geht nur in den seltensten Fällen gut."
"Was denkst du, wie ich mir manchmal wünsche, das Haus für Daniel und mich allein zu haben", gab Monika seufzend von sich.
 
"Monika, ich hätte noch etwas Szegediner-Gulasch übrig", sagte Hannelore, nachdem sie mit zwei Marmelade-Gläsern zurückgekehrt war. Sie schaute ihre Schwiegertochter fragend an.
Monika zeigte ein dankbares Lächeln: „Ja, gern.“
 

Hajo kündigte bellend Daniels Ankunft an. Der Schäferrüde war mittlerweile elf Jahre alt, aber noch immer flippte er minutenlang aus, wenn sein Herrchen von der Arbeit kam.
Nachdem Daniel den hechelnden, ihn an- und umspringenden Hund gestreichelt und getätschelt hatte, schob er ihn von sich fort und wandte sich seiner Frau zu. "Hallo Schatz." Er gab ihr einen Kuss und fragte: "Wie war dein Tag?"
Monika zupfte ein Hundehaar von seinem Kragen, wandte sich um und strebte auf die Küche zu. "Kommst du gleich? Das Essen ist fertig."
Daniel wusch sich noch schnell die Hände und setzte sich dann an den Tisch. "Mmm ... Szegediner-Gulasch! Hast du dir von meiner Mutter das Rezept geben lassen?" Er wartete die Antwort nicht ab, sondern bediente sich sogleich. Nach dem ersten Bissen fragte er: "Was ist mit dir? Isst du nichts?"
"Ich habe mittags schon viel zu viel gegessen." Sie holte sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank.
"Und? Wie ging's heute mit meiner Mutter?", erkundigte Daniel sich, nachdem er den schlimmsten Heißhunger gestillt hatte.
"Ging so."
 

Am nächsten Abend hielt sie ihm ein Kleid unter die Nase, noch während er damit beschäftigt war, die stürmischen Zuneigungsbezeugungen des Hundes abzuwehren. "Schau dir das an! Das war sie. Deine Mutter."
"Was denn?" Daniel konnte nicht erkennen, was seine Frau dermaßen auf die Palme gebracht hatte.
"Da. Siehst du das nicht? Diesen Riss? "
"Wie kommst du darauf, dass das meine Mutter war?"
"Weil das Kleid noch ganz war, als ich es heute Vormittag auf die Leine gehängt habe. - Es war ihr doch immer ein Dorn im Auge. Sobald sie mich darin sah, hat sie gemeckert, dass es viel zu kurz sei."
Daniel unterdrückte ein Stöhnen und nahm Monika das Kleid aus der Hand. "Das werde ich gleich klären."
 
"Mein Gott, Daniel, du glaubst doch nicht, dass ich das gemacht habe?" Hannelore besah sich den Schaden. "So schlimm ist es gar nicht. Ich könnte es flicken."
Daniel riss ihr das Objekt der Anklage aus den Fingern. "Wie mich das ankotzt! Immer diese Reibereien zwischen dir und Monika. Was hast du bloß gegen sie? Sie ist meine Frau. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, müssen wir uns etwas einfallen lassen."
"Ich tu ihr doch nichts. Ich bemühe mich wirklich mit ihr auszukommen. Aber sie versucht ständig, dich gegen mich aufzuhetzen."
Kopfschüttelnd ging Daniel wieder nach unten. Zum hundertsten Male fragte er sich, wie es weitergehen sollte, wenn die beiden Frauen nicht endlich lernten, mit einander auszukommen. Seit seiner Heirat und Monikas zeitgleichem Einzug vor rund einem Jahr hing der Haussegen schief und fühlte er sich als Prellbock zwischen Ehefrau und Mutter.
 

"Wo ist Hajo?"
"Was?" Monika schaute auf und legte den Kochlöffel beiseite. "Hajo? - Ist er nicht im Garten?" Sie ging ihrem Mann entgegen und umarmte ihn stürmisch.
Daniel erwiderte ihren Kuss und geriet beinahe außer Atem. "Was ist los mit dir? So feurig warst du schon lange nicht mehr."
"Magst du das etwa nicht?"
"Und ob ich das mag!" Mit leuchtenden Augen drückte er sie enger an seinen Körper.
Schließlich machte sie sich von ihm frei und meinte mit einem verheißungsvollen Lächeln: "Erst wird gegessen. Wenn das Essen noch länger auf dem Herd steht wird es ungenießbar, und ich hätte mir umsonst so viel Mühe damit gegeben."
Doch noch während der Mahlzeit fiel Daniel die Abwesenheit seines Hundes wieder ein. "Ich verstehe das nicht. Wo kann er denn sein?"
"Wer? ... Ach - Hajo. Vielleicht ist eine läufige Hündin in der Nähe." Monika schöpfte eine weitere Portion auf Daniels Teller.
"Er ist kastriert. Und er ist kein Streuner."
"Das behauptest du. Hast du vergessen ...?"
"Nein, ich habe keinesfalls vergessen, dass ich ihn schon einmal aus dem Tierheim holen musste! Damals, als ihn jemand im Wald angebunden an einen Baum gefunden hat!" Sogleich wurde seine Stimme wieder sanft, als er sah, wie sich ihr Gesicht verzog. "Entschuldige, Schatz. Ich wollte dich nicht anschnauzen."
Er streckte einen Arm aus und strich zärtlich über ihr Gesicht.
"Schon okay." Monika nahm seine Hand und hielt sie an ihrer Wange fest. "Hajo wird sicher bald wieder auftauchen."
 

Der Hund blieb verschwunden.
Daniel hatte sämtliche Tierheime der Umgebung abgeklappert und Flugblätter mit Hajos Konterfei an Bäumen, Gebäuden und Anschlagtafeln angebracht. Alles ohne Erfolg.
"Ich sag es nicht gern, aber ich habe deine Mutter im Verdacht", meinte Monika eines Abends, als Daniel sich zum ungezählten Male den Kopf darüber zerbrach, was aus seinem geliebten Vierbeiner, dem treuen Begleiter durch seine Junggesellenjahre, wohl geworden sein könnte. "Sie hat sich doch andauernd darüber beschwert, dass er im Garten herumbuddelt und überall seinen Dreck hinterlässt."
"Monika, meine Mutter hängt an dem Hund fast genauso wie ich!", wehrte Daniel entrüstet ab.
"Tut sie das?", fragte Monika spitz. "Bist du dir da sicher?"
 
Zwei Tage später wurde Daniel von Monikas dringlichem Anruf aus einer Besprechung gerissen. Schluchzen und Gestammel drangen aus dem Hörer. "Was ist los?" Daniel spürte, wie er zu schwitzen begann. Am anderen Ende der Leitung eine aufgeregte, kaum verständliche Monika und in dem Raum hinter sich sein Chef, dessen Mienenspiel deutlich zu verstehen gegeben hatte, was er von dieser Unterbrechung hielt.
"Sie wollte mich die Treppe hinab stoßen. Wenn ich mich nicht am Geländer festhalten hätte können, wäre ich hinunter gefallen."
"Was?... Wer?"
"Wer wohl? Deine Mutter. Seit ich in diesem Haus lebe, will sie mich loswerden." Erneutes lautes Schluchzen. "Wenn du sie nicht wegschickst, dann hat sie erreicht was sie erreichen wollte. Dann gehe ich."
"Moment, Moment."  Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Eine wichtige Besprechung. Ein ungehaltener Chef. Und seine Frau am Rande der Hysterie. "Nun mal langsam, Monika. Bitte versuch, dich wieder zu beruhigen. Wir reden am Abend darüber. Ich kann jetzt nicht. Ich bin ..."
"Entweder sie oder ich", forderte Monika mit gepresster Stimme.
"Herr Wegner! Wir warten auf Sie!"
"Ich komme", rief er zurück. Er atmete einmal tief durch und murmelte in den Hörer: "Monika, wir unterhalten uns darüber, sobald ich daheim bin, ja? Ich muss jetzt aufhören."
 
Zuallererst suchte Daniel seine Mutter auf, innerlich unter Dampf wie ein überhitzter Heizkessel. Sein Chef hatte ihm die Leviten gelesen, seine Kollegen mitleidig bis hämisch gegrinst. Am meisten hatte ihm Monikas Androhung, ihn zu verlassen, zu schaffen gemacht. Es reichte. Seine Mutter hatte ihre letzte Chance verspielt.
"Was hast du dir dabei gedacht?" schrie er sie an, kaum dass er ihrer ansichtig wurde.
Hannelore schaute verständnislos drein.
"Du hättest Monika umbringen können."
"Ich hätte... ? Wovon redest du?"
"Stell dich nicht dumm. Jetzt ist jedenfalls Schluss. Ich habe diesen Zirkus hier lange genug mitgemacht! Du ziehst aus. Such dir auf dem schnellsten Weg eine andere Bleibe." Er gab ihr keine Gelegenheit, etwas zu sagen, sondern ruckte herum und stürmte die Treppe hinunter.
Im Erdgeschoss, an der offenen Wohnungstür, stieß er auf Monika, die offenbar alles mit angehört hatte.
Sie warf sich an seinen Hals und küsste ihn. "Du wirst sehen, wenn sie erst aus dem Haus ist, wird alles wieder gut."
Hannelore war ihrem Sohn ein paar Stufen nach unten gefolgt. "Daniel, merkst du nicht, wie sie dich vereinnahmt? Sie kann den Gedanken nicht ertragen, dass außer ihr auch noch wer anderer wichtig für dich sein könnte, und deshalb erfindet sie immer neue Lügen über mich."
"Mutter, es reicht. Ende der Debatte."
 

Hannelore warf den Kofferraumdeckel zu. "Den Rest hole ich morgen. Für heute habe ich genug geschleppt." Bevor sie in ihr Auto stieg, maß sie ihre Schwiegertochter mit einem kalten Blick: "Dir wird dein hämisches Grinsen sicher bald vergehen. Kein Mann, auch nicht der verliebteste Trottel, lässt sich auf Dauer an der Nase herumführen."
Monika gab ein undefinierbares Geräusch von sich, drehte sich um und stolzierte zum Haus zurück. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund. Über Monikas Gesicht huschte ein selbstgefälliges Lächeln und sie fing an, ein Liedchen zu summen. Hajo war unwiderruflich fort, im Hundehimmel, sofern es den gab, und ihre Schwiegermutter würde ihr von nun an auch nicht mehr in die Quere kommen. Daniel gehörte nun ihr, ihr allein!
Im Haus herrschte eine angenehme Stille. Sie machte ein paar Schritte, drehte sich vergnügt einmal im Kreis herum, gab sich ungeniert ihrem Triumph hin. Beim Anblick der angelehnten Kellertür fiel ihr etwas ein.
Die von Hannelore während der Sommermonate konservierten Vorräte waren alle noch unverpackt. Im obersten Regal fand Monika mehrere Gläser mit Ribiselmarmelade, sowie drei mit Hollergelee. Ihre Freundin Ines mochte für Hannelores Ribiselmarmelade schwärmen, sie aber, sie liebte Hollergelee.
Ihrer Schwiegermutter würde es wohl kaum auffallen, wenn sie sich davon bediente, und falls doch ... Das war ihr so was von schnuppe! Monika schnappte sich ein Glas und strebte mit ihrer Beute über die Kellertreppe nach oben.
Himmlisch, wie das schmeckte! Am besten pur. Dafür ließ sie jede Schokolade stehen.
Sie spürte etwas auf der Zunge und fischte es mit dem Finger aus dem Mund.
Das sah ja aus ... Fast wie ... Sie nahm den Inhalt des Glases genauer unter die Lupe. Und fing zu würgen an.
Nachdem sie sich wieder einigermaßen erholt hatte, ging sie nochmals in den Keller und holte sich die beiden anderen Gelee - Gläser.
Während sie den Inhalt in eine Schüssel schüttete, wollte ihr Magen aufs Neue revoltieren.
Hannelore war nicht wählerisch gewesen. Für so ziemlich alles, was an Insekten im und ums Haus kreuchte und fleuchte hatte sie Verwendung gefunden ...

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© Silvia Flür-Vonstadl