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Marthi

Marthi lebt allein in ihrem Haus. Nein, nicht ganz allein. Ein Hund leistet ihr Hilfe und Gesellschaft. Marthi kocht, putzt und wäscht. Sie meistert den Haushalt. Und bekocht häufig Freunde und Verwandte. Marthi findet sich allein zurecht. Bewundernswert gut. Marthi ist sehr sportlich. Sie fährt Schi. Unternimmt ausgedehnte Wanderungen, bis hinauf auf die Gipfel. Marthi ist eine agile, lebenslustige Frau. Sie fragen sich jetzt sicher, was ist an Marthi denn so Besonderes.

Marthi ist blind. Und sie ist taub. Doch sie kann hören. Mithilfe eines Implantates in ihrem Kopf. Ein Leben in Schwärze. Und Stille, - gäbe es dieses technische Teil nicht. Ich begegnete Marthi vor wenigen Tagen beim Bahnhof. Eigentlich war es ihr Hund, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich hielt ihm die Hand hin. Zum Beschnuppern. Er wandte den Kopf ab. „Das mag er nicht.“, sagte Marthi. „Sie können ihn am Kopf kraulen. Das mag er.“

Später, als mir klar wurde, wer und was sie ist, fragte ich mich: „Wie konnte sie das wissen?“ Auf der Fahrt nach Innsbruck erfuhr ich einiges aus Marthi’s Leben. Sie war nicht von Geburt an blind und taub. Es begann mit Sechsunddreißig, Siebenunddreißig. Erst kam die Dunkelheit. Dann die Stille. Auf ihrem steinigen Weg zurück in die Normalität des Alltags entwickelte sie ein großartiges Gespür für Menschen und Umfeld.

Meine Verwunderung und Bewunderung wuchsen von Minute zu Minute.

Marthi greift, und bewegt sich zielsicher wie eine Sehende.

Und das Nichtsichtbare? Keine Bitterkeit spürbar. Sicher gibt es Tage der Depression. Doch Marthi’s ungebrochener Optimismus, und ihre Lebensbejahung sind in ihren Worten hörbar und in ihrem Verhalten spürbar.

 

 

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© Silvia Flür-Vonstadl