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Gedankenspiele

Eine ältere Frau, auf einen Postbus wartend, ... wie ich. Zwei prallgefüllte Plastiktaschen abgestellt auf einer Sitzbank. Schwer auf eine Krücke gestützt, humpelt sie zu der Tafel mit den Fahrplänen, studiert sie, wirft zwischendurch misstrauische Blicke zu ihren Einkäufen hin. Einer davon trifft mich. „Ich vergreif’ mich schon nicht an deinen Sachen.“, denk ich mir, ein bisschen belustigt, ein bisschen gekränkt. Sie kehrt zur Bank zurück. Das Gesicht verkniffen, ... Unfreundlichkeit in den Augen.

Meine Gedanken machen sich selbstständig ...

Die Frau kehrt in ihre Wohnung heim, und da ist niemand, der auf sie wartet. Außer vielleicht ein Wellensittich, der sie mit Gekreische und Flügelschlagen empfängt. Oder eine Katze, die ihr, in Erwartung eines Leckerbissens, um die angeschwollenen Beine streicht.

Eine andere Vorstellung:

Die Frau betritt einen Hausflur. Sie schließt die Eingangstür. ... Der Garderobenspiegel zeigt einen Ausschnitt des Wohnzimmers. ... Ein Mann in Unterhemd und herabhängenden Hosenträgern sitzt vor dem leiernden Fernsehkasten. Kein Gruß schallt ihr entgegen, ... nur die ungeduldige Frage, ob sie das Bier wohl nicht vergessen habe.

Es könnte aber auch so sein...

Die Frau hat Schmerzen im Bein, im Kreuz, und überhaupt in allen Gelenken. Sie macht sich Sorgen, ob sie es schafft, das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. ... Für Tochter und Enkelkind. Die Tochter muss ja gleich wieder ins Büro, und das Kind in die Schule.

Möglicherweise ist es ganz anders ...

Die Frau befürchtet, ganz umsonst so viel eingekauft zu haben. Vielleicht ruft ihr Sohn am Abend an, um ihr mitzuteilen, dass aus dem Besuch zum Wochenende nichts wird, weil etwas – natürlich etwas Wichtiges – dazwischen gekommen ist. Wieder einmal.

Der Bus rollt heran.

Die Frau packt ihre Taschen, und ich die meine...

 

 

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© Silvia Flür-Vonstadl