masima
 

 

A L L E I N

Trubel beherrscht die Straße.
Erna lässt sich das Schmalzkiachl schmecken. Kiachln selbst zu backen rentiert sich nicht mehr. Nicht mehr, seit die Kinder aus dem Haus sind und ihr Mann verstorben ist.
Sie beobachtet die flanierenden Leute. Weit und breit kein bekanntes Gesicht darunter. Erna scheint ein bisschen zu schrumpfen.
Jemand stößt sie an, entschuldigt sich.
Dann, - helle Freude!
„Hilda! – Das ist eine Überraschung. Dass man dich auch wieder einmal sieht.“
Ein Händeschütteln und Näherkommen. Mensch zu Mensch. Nicht gerade eine richtige Umarmung, - aber fast. Auch Hildas Augen leuchten.
Neuigkeiten aus dem jeweiligen Familienkreis werden ausgetauscht, Erinnerungen an gemeinsame Unternehmungen aufgefrischt, traurige Ereignisse vermieden.
„Komm doch noch mit zu mir, Hilda. Ich koche uns etwas, und irgendwo im Keller müsste auch noch eine Flasche Wein stehen.“
„Ich kann leider nicht. Hermann wird immer gleich ungeduldig, wenn ich länger als zwei Stunden von daheim fort bin. Das ist manchmal ganz schön anstrengend, kann ich dir sagen.“
„Du hast immerhin noch wen, der auf dich wartet.“ Erna schluckt und schaut schnell weg. Aber sie reißt sich zusammen, will sich die Freude über das unverhoffte Wiedersehen nicht mit Sentimentalität vermiesen.
Beim Abschiednehmen verspricht Hilda, an einem der nächsten Tage auf einen Kaffee vorbeizukommen. Ihre Wege führen in entgegengesetzte Richtungen. Nach ein paar Schritten dreht Erna sich noch einmal um. Als sie Hilda eiligen Schrittes heimwärts streben sieht, spürt sie ein leises Gefühl von Neid keimen.

Ein Stück weiter die Straße entlang, schart sich eine Menschenmenge um ein paar Straßenmusikanten und Gaukler. Ein kleiner Aufschub vor der Tristesse daheim. Erna schaut, horcht, lacht und klatscht Beifall.
Immer mehr Leute kommen. Das Gedränge wird ärger. Erna wird gestoßen und geschoben.
Sie schlurft weiter.
Aus einer Bar taumelt ein Mann.
„Passen Sie doch auf!“ Mit Mühe und Not glückt es ihr ihm auszuweichen.
„Pardon, Gnädigste.“ nuschelt die Gestalt, unbeholfen nach einem Halt suchend, und hebt den Blick.
Plötzlich steht der Mann stramm. „Ah, meine verehrte Frau Nachbarin!“
Erna hat eine bissige Bemerkung auf den Lippen, aber sie schluckt sie hinunter. ‚Mit Verachtung kann man die Leute bestrafen.’ Sie hat es eilig wegzukommen.
Im Laden, zehn Meter weiter, besorgt sie sich Lebensmittel und noch ein paar andere Dinge. Zum Glück ist sie momentan die einzige Kundin, und so bietet sich ihr die Gelegenheit auf einen kurzen Plausch mit der Frau an der Kassa. Viel gibt es ja nicht zu sagen. Über das Wetter halt, ... und die Beschwerden des fortschreitenden Alters.
Erna hat nicht mehr weit zu gehen. Der Altbau am Ende der Straße ist schon in Sicht.
‚Warum geht denn die Haustüre nicht auf?’ Erna stemmt sich dagegen. schimpft und keucht, keucht und schimpft, bis es ihr schließlich gelingt, sie wenigstens soweit aufzustoßen, dass sie ins Hausinnere gelangen kann.
Erschrocken bleibt sie stehen.
Ihr verhasster Nachbar kauert zwischen Wand und Tür, stöhnend, aus einer Wunde am Kopf blutend.
‚Lass ihn liegen. Geschieht ihm recht.’
Sie zögert.
So sehr sie sich auch anstrengt, - sie kann sich nicht erinnern, in diesen drei Jahren, die sie nun schon Wand an Wand hausen, jemals jemanden bei ihm aus- oder eingehen gesehen zu haben. Und hat er nicht immer wieder versucht – zumindest am Anfang – mit ihr ins Gespräch zu kommen? Wenn sie es recht bedenkt, - unausstehlich ist er doch erst im Laufe der Zeit geworden, oder?
Was weiß sie denn schon von ihm? Während der letzten Jahre war sie doch fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.
„Ich hole Hilfe.“ Sie weiß nicht, ob er sie hört.
Erna steigt die Treppe hoch zu ihrer Wohnung, so schnell wie schon lange nicht mehr.

 

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© Silvia Flür-Vonstadl