masima
 

Kapitel 1 

Aufatmend stellte Francesca den Motor ihres Golfs ab. Und jetzt, da die Anspannung von ihr abfiel, überkam sie das große Zittern. Viel fehlte nicht, und ihr Ausflug nach Verona hätte in einer Katastrophe geendet.

Kurz abgelenkt durch einen vom Straßenrand auffliegenden Vogel …

Buchstäblich in letzter Sekunde sah sie den Mann auf der Straße. Nach ihrem, von Reifenqietschen begleiteten Bremsmanöver trennten den Golf und den Passanten nur noch Zentimeter. Kaum hatte der Mann seinen ersten Schock überwunden, schlug er mit der Faust auf die Motorhaube und ließ ein paar deftige Flüche vom Stapel. Erst das wiederholte Hupen des Fahrers hinter Francesca veranlasste ihn schließlich, die Fahrbahn zu räumen. Doch selbst noch auf der anderen Straßenseite ging das Schimpfen weiter, erhobener Stinkefinger inklusive. Ein angenehmer Zeitgenosse. Andernteils war es sein gutes Recht, erbost zu sein.

Typisch für sie, hatte sie sich während der Weiterfahrt nach Lazise in den schlimmsten Bildern die Folgen ausgemalt, wäre ihr Auto nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen. Wie in einer Zeitschleife flog der Mann wieder und wieder durch die Luft, prallte auf der Straße auf und rings um ihn breitete sich Blut aus. Mit jeder Wiederholung sah sie mehr schreckliche Details.

‚Es ist ja noch mal gut gegangen, Francesca, also beruhige dich!’

Eine leichte Abendbrise wehte ihr Haarsträhnen ins Gesicht und bauschte ihren knielangen Rock, als sie aus dem Auto stieg und auf den Eingang der kleinen Pension zuging. Sie sehnte sich nach einem langen, entspannenden Bad. Sollte sich ihr Appetit, den sie durch den ausgestandenen Schrecken verloren hatte, doch wieder einstellen, konnte sie danach immer noch das ‚Peppino’ aufsuchen und sich Cannelloni ‚Salmone e Gamberetti’ gönnen.

 

 Die Cannelloni hatten ausgezeichnet geschmeckt, der Wein dazu ebenfalls. Als der Kellner das Geschirr abräumte und fragte, ob er ihr noch ein Glas Wein bringen dürfe, oder sie sonst einen Wunsch habe, bestellte Francesca sich einen Amaretto.

Am Likör nippend, nahm sie beiläufig die anderen Gäste in Augenschein. Ein Paar an der Theke erregte ihre Aufmerksamkeit. ‚Black and White’, schoss es ihr unvermittelt durch den Sinn. Er schwarzhaarig, sie hellblond wie einst Marilyn Monroe. Und, wie es schien, schwer verliebt. Zumindest was die Frau betraf – sie himmelte ihren Begleiter geradezu an.

Die langen Finger des Mannes pflügten verspielt durch die schulterlangen Haare der Frau, während sein träger Blick über ihren Kopf hinweg durch das Restaurant schweifte.

‚Schau her zu mir!’ Nanu, was war das denn für ein Gedanke! Im nächsten Augenblick hoffte Francesca nur noch, er möge sie nicht bemerken. Zeit, sich von der Verwirrung über ihre konträren und noch dazu ihr völlig unverständlichen Gedankenblitze zu erholen, blieb ihr keine mehr – der Blick des Mannes erfasste sie. Unangenehm berührt schaute Francesca weg. Nicht für lange. Aus dem Augenwinkel schielte sie wieder zu dem Paar hin.

Einen Ellbogen auf der Tresenplatte, in der einen Hand einen voluminösen Kognakschwenker, strich er sich mit der anderen seine dunklen Locken aus der Stirn – eine Fotomodell-Pose, allerdings völlig ungekünstelt. Seine Begleiterin fing die Hand ab und küsste seine Finger. Sie warf ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund.

Fasziniert beobachtete Francesca die beiden. Sie waren ein außergewöhnlich schönes Paar. Er schätzungsweise Mitte dreißig, groß, schlank, eine Figur wie ein Leichtathlet. Der Kontrast zwischen dunklem Haar und hellen Augen (die Farbe ließ sich auf diese Entfernung nicht erkennen) trug zur allgemeinen Wirkung noch bei. Die Frau, mindestens zehn Jahre jünger, auch nicht gerade klein, gertenschlank, das Haar vermutlich naturblond, gleichfalls helläugig (Francesca tippte auf blau), das Gesicht wunderbar ebenmäßig, die Züge fein modelliert.

Spürte der Mann, dass er beobachtet wurde oder sah er zufällig in Francescas Richtung? Ihre Blicke trafen sich erneut. Diesmal wich sie nicht mehr aus. Nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit senkte er wieder den Kopf und küsste seine Freundin genießerisch. Seine Augen blieben auf Francesca gerichtet, ließen sie nicht los. Ein leichtes, spöttisches Lächeln überflog sein Gesicht, als er den Kuss beendete.

Unbewusst wechselte Francescas Gesichtsausdruck, ein verächtlicher Zug legte sich um ihren Mund.

Endlich gelang es ihr, ihren Blick zu lösen. Sie nahm ihre Umhängetasche und suchte den Toilettenraum auf. ‚Francesca, ergreifst du etwa die Flucht?’ Nicht auszuschließen. Es gab aber noch einen Grund: das unerwartete Bedürfnis, etwas für ihr Äußeres zu tun. Nicht, dass sie sich etwa der Illusion hingab, sie könnte sich durch ein bisschen Nachhilfe in eine Schönheit wie diese Blondine verwandeln, aber sie wollte auf einmal so attraktiv wie nur möglich aussehen. Ihr – wie sie meinte - einziges Plus war ihre noch immer feste, schlanke, sogar zierliche Figur, die sich seit ihrer Jugendzeit kaum verändert hatte. Dagegen war sie mit ihrem Gesicht noch nie wirklich zufrieden gewesen. Sie empfand ihr Aussehen als langweilig, durchschnittlich. Dass der größte Teil der Menschheit mit einem eher durchschnittlichen Aussehen durchs Leben wandelt, war ihr nur ein geringer Trost. Sie verstand es, selbstbewusst aufzutreten, doch im Grunde nagten fast ständig Selbstzweifel an ihr. Das kontinuierliche Zusteuern ihrer Ehe auf das Aus hatte das seine dazu beigetragen, ihr karges Selbstvertrauen noch weiter zu dezimieren.

Manchmal fühlte sie sich wie am Ende ihres Lebens, fühlte sie sich uralt. Große Erwartungen an die Zukunft hatte sie vielleicht mit fünfundzwanzig noch gehabt, mittlerweile hatten sich alle verflüchtigt. An besseren Tagen sagte sie sich, dass auch wieder gute Zeiten kommen würden, dass das Leben mit sechsunddreißig nicht vorbei war, nur weil eine Ehe nach zwölf Jahren endgültig gescheitert war.

Mit siebzehn hatte sie den drei Jahre älteren Bernd kennengelernt. Sie war sofort hin und weg gewesen, hielt ihn für die Liebe ihres Lebens. Dank dieser – aus jetziger Sicht betrachtet – unseligen, geradezu abgöttischen Liebe hatte sie die zeitweiligen Trennungen – stets dann, wenn Bernd das Verlangen nach Freiheit und anderen Frauen überkam – immer wieder hingenommen. Als sie ihn schließlich mit vierundzwanzig heiratete, schien er sich vorerst die Hörner genügend abgestoßen zu haben.

Während dieser aufreibenden sieben vorehelichen Jahre hatte Francesca sich nur ein einziges Mal mit einem anderen Mann eingelassen. Die kurze Affäre war eine Enttäuschung gewesen, darum hatte sie es erst gar nicht nochmals mit einem anderen probiert. Stattdessen hatte sie den unberechenbaren, instabilen, von Mädchen und Frauen umschwärmten Bernd stets wieder willkommen geheißen, sobald er reumütig zu ihr zurückkehrte.

Möglich, dass Bernd sich am Anfang ihrer Ehe tatsächlich zusammengerissen hatte, wahrscheinlicher jedoch war es, dass sie sich schon damals selbst getäuscht und ihre, im Laufe der Jahre perfektionierte Vogel-Strauß-Taktik betrieben hatte: den Kopf in den Sand stecken um nichts zu hören und zu sehen. Nach etwa neun Ehejahren ließ sich aber beim besten Willen nicht mehr ignorieren, dass Bernd seine Freiheitsgelüste zunehmend ausgedehnt hatte und ein Leben führte, als wäre er ungebunden. Trotzdem hielt Francesca weitere zweieinhalb Jahre durch, war aber immer weniger gewillt, seine Seitensprünge zu tolerieren. Streitereien, Schuldzuweisungen, Wutausbrüche, und Tränen ihrerseits mehrten sich. Dann fand sie eine kleine, günstige Wohnung und zog aus der gemeinsamen aus. Eine Woche darauf reichte sie die Scheidung ein. Im Gegensatz zu Bernd hatte sie immer Kinder gewollt; jetzt schätzte sie sich glücklich, keine zu haben. Sie hatte ihren Beruf ununterbrochen ausgeübt, und ihre finanzielle Unabhängigkeit kam ihr nun zugute.

Bernd reagierte mit einer geradezu grotesken Fassungslosigkeit. Offenbar hatte er nie in Erwägung gezogen, dass Francesca ihre Drohungen wahr machen könnte. Seit die Gerichtspapiere ins Haus geflattert waren, bemühte er sich mit Versprechungen, Jammern, Liebesbeteuerungen und Geschenken, die sie zurückwies, aber auch mit Vorwürfen und Erpressungsversuchen der psychischen Art, Francesca wieder in die gemeinsame Wohnung zu locken und zur Zurücknahme des Scheidungsantrags zu überreden. Aber sie hatte endgültig die Nase voll und wartete nur noch auf den Scheidungstermin, um unter dieses Kapitel ihres Lebens den Schlusspunkt setzen zu können.

 

Vor der Tür zu den Toiletten lümmelte ein Betrunkener herum. Im Vorbeigehen hörte Francesca ihn etwas Unverständliches brummen. Sie beachtete ihn nicht weiter.

Vor dem Spiegel zog sie ihre Lippen nach. Auch der Lidstrich um ihre grau-grünen Augen wurde erneuert. Noch ein paar Bürstenstriche durch ihre dunkle, rötlich schimmernde Mähne – mehr konnte sie nicht tun.

Da flog die Tür auf.

Als sie den Mann im Spiegel sah, packte er sie auch schon von hinten. Es war der Betrunkene, an dem sie vorhin vorbeigekommen war. Vor Überraschung und Schreck stand Francesca einen Augenblick still. Dann riss sie sich los. Die Hände des Mannes glitten von ihr, er torkelte gegen das Waschbecken. Schleunigst ergriff sie ihre Tasche und wollte zum Ausgang. So unbeholfen, wie sie angenommen hatte, war der Kerl aber nicht, er erwischte ihren rechten Arm und zog sie zurück. Sein säuerlicher Atem schlug ihr entgegen, sodass ihr beinahe übel wurde. „Lass mich los!“, fuhr sie ihn mehr verärgert als verängstigt auf Italienisch an. Vor sich hin brabbelnd drückte er sie in den Winkel zwischen Wand und Waschbecken. Weil sie sich nicht anders zu helfen wusste, versetzte sie seinem Schienbein einen Stoß. Aufjaulend ließ er von ihr ab und taumelte gegen die Wand.

Francesca schlüpfte zur Tür hinaus, wurde aber ruckartig gebremst. Einer der langen Riemen ihrer Umhängetasche hatte sich am Türgriff verhängt. Sie reagierte schnell, aber nicht schnell genug. Erneut bekam der Betrunkene sie zu fassen. Er umklammerte ihre Arme so fest, dass es wehtat und gab schmatzende Geräusche von sich. „Ich möchte dich doch nur küssen, schöne Frau“, nuschelte er.

Francesca wusste nicht, sollte sie lachen oder zornig werden. Sein Kopf rückte näher. Sie bog sich nach hinten und verdrehte sich in dem Bemühen, ihm auszuweichen, fast den Hals. „Du stinkst aus dem Mund.“

Als ihr Winden und Sich-Verrenken nichts fruchtete, schnauzte sie ihn an: „Langsam reicht es mir! Lass mich sofort los!“

Der Italiener hatte anderes im Sinn. Vulgäre Worte lallend packte er noch fester zu, presste seinen Unterleib gegen sie und schnappte nach ihren Lippen. Francesca, die ihn bis dahin für aufdringlich aber harmlos gehalten hatte, bekam es mit der Angst zu tun. Nun schon leicht panisch setzte sie sich vehementer zur Wehr, erreichte aber nur, dass er sie noch mehr in die Enge trieb.

Plötzlich merkte sie, dass sie nicht mehr allein waren. Romeo stand neben dem Eingang zur Herrentoilette. Wie lange schon? Bevor sie noch richtig zornig werden konnte, spürte sie die feuchten Lippen ihres Angreifers über ihre Wange gleiten und sie schauderte vor Ekel.

Romeo hüstelte.

An seinem Anspannen erkannte Francesca, dass ihr Widersacher es vernommen hatte. Das hinderte ihn aber nicht daran, sie weiterhin festzuhalten.

Romeo hüstelte nochmals.

„Ist was?“ Der Italiener wandte sich ihm halb zu. Eilig die Gelegenheit nützend, trat Francesca mit der Ferse auf seine Zehen. Durch die dünne Sandalensohle konnte sie spüren, dass sie ihn nicht richtig erwischt hatte. Doch ihre Attacke reizte ihn und er holte zu einer Ohrfeige aus, zögerte aber zuzuschlagen.

Auf einmal stand Romeo neben ihnen. Seine Präsenz bewirkte, dass der Betrunkene endlich von ihr abließ.

Kaum frei, war Francesca die Situation mit einem Male furchtbar peinlich. „Immer mit der Ruhe …“ Ausgerechnet jetzt, da zu befürchten stand, dass die beiden Männer an einander geraten könnten, versagte ihr die Stimme; mehr als ein Flüstern brachte sie nicht zustande.

Glücklicherweise erwies sich ihre Besorgnis als unnötig – ihr sex- oder liebeshungriger Plagegeist setzte sich einfach auf den Boden. Francesca hätte über seinen skurril-erbärmlichen Anblick fast gelacht. Sie machte, dass sie davonkam. Als sie an dem schönen Romeo vorbeirauschte, fauchte sie: „Ich hoffe, Sie haben sich gut amüsiert!“

Ob und wie er reagierte, bekam sie nicht mit – sie war schon bei der Tür zum Gastraum, stieß sie auf und ließ sie hinter sich zufallen.

Zurück an ihrem Tisch, stellte sich dann doch leichtes Zittern ein. Was war das heute nur für ein Tag! Sie winkte den Ober herbei und verlangte die Rechnung.

„Sprichst du Deutsch?“

Im Herumfahren stieß sie das Likörglas um. Romeo stand hinter ihr! Und Romeo war Deutscher.

Selbst aus dieser Nähe war nicht der geringste Makel an ihm zu entdecken.

Francesca wollte eigentlich gar nicht antworten, doch ihr Kopf bewegte sich wie von selbst. Sie nickte stumm, während Bewunderung und Widerwillen miteinander im Clinch lagen. Sie schaute zur Theke. Mittlerweile standen dort andere Leute, von der schönen Blondine keine Spur.

„Darf ich dir etwas zu trinken bestellen?“ Er sprach überdeutlich, schien sich nicht sicher, ob sie ihn verstand.

„Nein.“

„Nein?“

„Nein“, wiederholte sie. „Verschwinden Sie.“

Seine schwarzen Brauen formten sich zu Rundbögen. Verwunderung stand in seinen Augen. Mann, was für Augen! Groß, grün, von langen, schwarzen Wimpern umgeben.

Verwirrt stellte Francesca fest, dass ihr Herz auf einmal schneller schlug, dass dieser Deutsche sie völlig durcheinander brachte. Das machte sie wütend. Der Mann war das Sinnbild des Verführers. ‚Francesca, Francesca, hast du nicht genau solche Beschreibungen in Romanen immer als besonders lächerlich empfunden?’ Das war allerdings bevor ihr dieser Kerl mit seiner vermaledeiten Ausstrahlung und einem Sex-Appeal, der verboten gehörte, begegnet war.

Am liebsten hätte sie unter dem Tisch mit dem Fuß aufgestampft, so hilflos fühlte sie sich. Hilflos, unsicher und zornig. Zornig auf ihn, auf sich, auf die ganze Welt. Sie riss ihren Blick von ihm los und kehrte ihm den Rücken zu.

Aber er ließ sich nicht abwimmeln. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

„Na, hören Sie mal! Haben Sie nicht verstanden? Ich bin nicht scharf auf Ihre Gesellschaft.“

Spürte er, wie nervös er sie machte? Es sah fast so aus.

Francesca lag eine weitere, scharfe Bemerkung auf der Zunge, aber sie zügelte sich. Stattdessen fragte sie sich, warum sie – ganz entgegen ihrer eigentlichen Art – so unhöflich war. Er hatte ihr schließlich nichts getan. Sein einziger Fehler war, dass er einfach zu gut aussah. Nein, das traf es nicht genau – sein Fehler war, dass er sich seines Aussehens zu bewusst war.

„Warum lässt du dich nicht von mir einladen?“

Francesca machte eine Bewegung zur Theke hin. „Wo ist Ihre Freundin geblieben?“

„Gianna musste nach Hause“, gab er mit einem feinen Lächeln Auskunft. „Zu ihrem Mann.“

So, so, die Blonde war also verheiratet! Francesca beschloss, den Deutschen von nun an zu ignorieren. Wann kam der lahmarschige Kellner endlich mit der Rechnung?

„Würdest du mir verraten, was du da draußen, bei den Toiletten zu mir gesagt hast?“

„Sie sind ja immer noch da!“ Von wegen Ignorieren. Wenn das so einfach wäre!

„Ich würde es wirklich gern wissen.“

„Können Sie sich das nicht denken?“

Er ließ nicht locker – in stummem Kampf kreuzten sich ihre Blicke. Schließlich zuckte Francesca die Achseln, um ihm zu verdeutlichen, wie sie das alles anödete. „Ich wollte wissen, ob Sie sich gut unterhalten haben.“

„Hab ich mir doch gedacht, dass es keine Dankesworte waren.“

Sein amüsiertes Lächeln machte sie schwach - beinahe hätte sie es erwidert. Aber schon schaltete sie wieder auf stur und unnahbar. „Würden Sie mich jetzt endlich in Ruhe lassen?“

„Was hast du gegen mich?“

So direkt darauf angesprochen, wurde sie verlegen. Sie murmelte: „Nehmen Sie es nicht persönlich.“

„Ach nein? Wie denn sonst?“

‚Was für ein hartnäckiger Mensch!’, grollte Francesca innerlich. Aber dann sah sie ein, dass sie sein Nachfragen geradezu herausgefordert hatte und beschloss bei der Wahrheit zu bleiben. Auch wenn sie sich damit eine Blöße gab. Aber da sie den Kerl ohnehin nicht mehr wiedersehen würde, konnte ihr das egal sein. „Ich habe ganz allgemein etwas gegen Männer, die so aussehen wie Sie.“ Nur, wann war sie je einem Mann mit seinem Äußeren begegnet? Im wirklichen Leben sicher nicht, und von all den super aussehenden Typen der Filmwelt käme ihm eventuell noch eine etwas reifere Ausgabe von Ian Sommerhalder am Nähesten. Doch fehlte dem Schauspieler dieses gewisse Etwas, über das dieser Kerl hier so übermäßig verfügte.

Einen Augenblick schwieg er, ehrlich verblüfft, ehe er forderte: „Also, das musst du mir schon erklären.“

„Tut mir leid, keine Lust.“ Demonstrativ wandte sie sich von ihm ab.

Er gab auf und erhob sich. „Arrivederci, Signorina.“

Francesca lauschte dem spöttischen Klang seiner Stimme nach und entspannte sich allmählich. Jetzt erschien auch endlich der Ober mit der Rechnung.

Um zum Lokal-Ausgang zu gelangen musste sie an der Theke vorbei. Dort lehnte Adonis, allein, und nickte ihr wie zum Abschied zu. Gnädig nickte sie zurück. Sich sicher, von seinem Blick verfolgt zu werden, betete sie darum nicht ins Stolpern zu geraten. Die Türklinke bereits in der Hand, machte sie wie ferngesteuert kehrt und ohne vorher auch nur ein bisschen nachzudenken, schoss sie ihre Frage ab: „Sind Sie ein Gigolo?“ Wie kam sie bloß auf diese Frage, und vor allem: Woher nahm sie diese Unverfrorenheit? Anscheinend war sie heute nicht nur ein wenig neben der Spur, sondern total.

Er war zunächst sprachlos. Dann brach er in Lachen aus, ein Lachen, das ihr ein Kribbeln im Magen bescherte. Eine plötzliche Schwäche in ihren Knien zwang sie, sich neben ihm gegen den Tresen zu lehnen.

„Sehe ich aus wie ein Mann, der von einer Frau für gewisse … Tätigkeiten Geld nimmt?“

Sein spitzbübischer Spott machte sie ratlos, ihr fiel keine passende Entgegnung ein. Von dem dringenden Wunsch getrieben, die Flucht zu ergreifen, wandte sie sich wieder dem Ausgang zu. Aber so einfach ließ er sie nicht davonkommen. „Hast du befürchtet, du könntest dir mich nicht leisten?“

So eine Unverschämtheit! Francesca wollte schon aufbrausen, als ihr einfiel, dass ihre eigene Frage nicht minder unverschämt gewesen war. Also klappte sie ihren Mund wieder zu. Doch ganz so ohne Weiteres wollte sie seine Provokation nicht hinnehmen. „Sehe ich aus wie eine Frau, die einen Mann für … was auch immer, bezahlt?“

„Touchè.“ Sichtlich erheitert streckte er die Hand nach ihr aus, berührte sie aber nicht. „Komm, lass dich auf ein Glas Wein einladen.“

„Nein. Keinen Alkohol mehr. Ich fürchte, ich bin so schon nicht mehr ganz zurechnungsfähig.“

Wieder lachte er; ein gutmütiges, humorvolles Lachen. „Dann vielleicht auf einen Kaffee?“

Sie schüttelte den Kopf, mit dem Ergebnis, dass ihr leicht schwindelte. „Davon habe ich heute auch schon genug getrunken.“

Überlegend sah er sie an. „Wie wär’s mit Eis? Ich weiß, wo es das beste Eis in ganz Lazise gibt.“

Francescas Widerstand bröckelte, fiel in sich zusammen. „Okay, ein Eis wäre nicht schlecht.“

Wie selbstverständlich nahm er sie beim Arm.

Er lotste sie zu einem schwarz und silbern lackierten Jeep.

„Ich muss verrückt sein“, murmelte sie, während sie sich anschnallte.

„Hm? Was hast du gesagt?“ Er warf ihr einen fragenden Seitenblick zu und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

„Dass ich wahrscheinlich im Laufe des heutigen Tages meinen Verstand verloren habe.“

„Warum das denn?“

Francesca blieb ihm eine Antwort schuldig. Geistreich wäre diese sowieso nicht ausgefallen. Während er den Wagen vom Parkplatz auf die Straße lenkte, sagte er in belustigtem Tonfall: „Ich bin seit siebzehn Jahren im Besitz eines Führerscheins, falls es das ist, was dich beunruhigt.“ Er bedachte sie mit einem wissenden Blick. „Aber ich schätze, das ist es nicht. – Ich kann dir versichern, ich bin weder ein Vergewaltiger, noch ein Menschenfresser.“

„Aber ein Frauenvernascher.“ Erst als er herzhaft auflachte, wurde ihr bewusst, dass sie laut gedacht hatte.

„Alle Achtung, du bist echt amüsant!“

„Freut mich, dass ich dich nicht langweile.“

„Die Gefahr dürfte nicht bestehen.“ Er betätigte den Blinker, bremste leicht ab und bog dann in eine Querstraße ein. Nach einer Weile ergriff er erneut das Wort: „Ich heiße Adrian. Und du?“

„Francesca.“

„Franziska?“, fragte er nach.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Francesca, italienisch. – Meine Mutter stammt aus Salerno.“

„Deshalb sprichst du so gut Italienisch. – Aber du bist Österreicherin, stimmt’s?“

„Ja, Salzburgerin, Stadt und Land.“

„Ich kenne die Stadt ein bisschen. – Ich wohne in München. – So, da wären wir.“ Routiniert parkte er seinen Jeep in die schmale Lücke zwischen einem BMW und einem Alfa ein.

In der Gelateria nahmen sie an einem kleinen, weißlackierten Tisch mit runder Platte Platz. Er reichte ihr die Eiskarte. „Ich kenne ja deinen Geschmack nicht, aber der Fruchtbecher hier ist absolut Spitze.“

„Gut, überredet.“

Nachdem sie bei der blutjungen, hübschen Serviererin bestellt hatten, begann Francesca sich zunehmend fehl am Platz zu fühlen. Unter seinem gelassenen, beobachtenden Blick stieg ihre Nervosität rapide an. Unvermittelt fragte sie, nun gleichfalls zum ‚Du‘ übergehend: „Verrate mir doch bitte eines: Was hat dich veranlasst, mir gegenüber so hartnäckig zu sein? Ich meine, wenn du auf Eroberung aus bist, hättest du dich doch nur im ‚Peppino’ umzusehen brauchen – da waren mindestens zwei hübsche Frauen, die dich kaum aus den Augen gelassen haben.“

Ihre Direktheit irritierte ihn einen Moment, nicht zum ersten Mal an diesem Abend. „Du hast meine Neugier geweckt.“

„Ich? Womit denn?“

„Sagen wir mit deinen Ecken und Kanten. Normalerweise sind Frauen mir gegenüber nicht so abweisend.“

„Und das hat deinen Jagdinstinkt geweckt?“, fragte sie ironisch.

„Sagen wir so: Du hast etwas an dir, das mich reizt. Es liegt mir fern zu prahlen, aber seit ich dem Pubertätsalter entwachsen bin, hat mich kein weibliches Wesen mehr so abblitzen lassen wie du.“

„Ich bin versucht, dir das zu glauben“, versicherte sie ihm.

Wieder lachte er, und wieder brachte er damit ihre Gefühle durcheinander. Er war zwar viel zu selbstbewusst, aber jedwede Arroganz schien ihm zu fehlen. Im Gegenteil, er gab sich völlig natürlich. Und er verfügte über Humor. Damit hatte er bei ihr schon mal einen Stein im Brett.

„Machst du hier Urlaub?“, unterbrach er ihre Überlegungen.

„Nein. Ich bin sozusagen auf der Rückreise von meinem jährlichen Verwandten-Besuch in Salerno.“

„Ach so. – Du hast also einen Zwischenstopp hier in Lazise eingelegt.“

„So könnte man sagen. Ich bin aber schon seit drei Tagen da.“

„Und wie lange bleibst du noch?“

„Morgen geht’s heimwärts. Ab Montag muss ich wieder arbeiten.“

„Schade. Ich bleibe noch eine Woche. Wäre sicher kurzweiliger mit dir gewesen.“

„Danke“, meinte sie trocken. „Aber du wirst dich auch ohne mich nicht langweilen. – Ich weiß da mindestens eine Person, die dir sicher liebend gern Gesellschaft leistet. – Wenn sie nicht gerade daheim bei ihrem Gatten sein muss.“ Diese Spitze hatte sie anbringen müssen.

Weil sie den kindischen Seitenhieb aber sogleich bereute, sprach sie schnell weiter. „Der Gardasee ist nicht umsonst bei deinen und meinen Landsleuten so beliebt. Ich finde es hier besonders schön, wenn gerade alles zu blühen angefangen hat, wie jetzt im April. Aber es ist so oder so eine schöne Gegend und rings um den See gibt es etliche lohnende Ausflugsziele. Ich genehmige mir hier jedes Mal wenn ich von Salerno zurückfahre, mindestens ein, zwei Tage.“

„Das hört sich für mich so an als wärst du solo. Gibt es keinen Freund, keinen Ehemann?“

Mit dieser Frage hätte sie rechnen sollen. Nach kurzem Zögern sagte sie: „Doch. Noch.“

„Noch? – Lebst du in Scheidung?“

Sie nickte und ihre Miene wurde abweisend. Er sollte nur ja nicht weiter fragen. Mit Erleichterung sah sie das Serviermädchen mit den bestellten Eisbechern nahen.

Sie machten sich sogleich darüber her. Das Thema Scheidung wurde nicht mehr erwähnt.

Nachdem sie ihre Becher leer gegessen, und Adrian bezahlt hatte, fragte er: „Gehen wir noch zum Strand?“

Unwillkürlich beschleunigte sich Francescas Herzschlag. Er wurde zum wilden Galopp, als Adrian eine Hand hob und mit zarten Fingern ihre Gesichtskonturen nachzeichnete. Wie hätte sie da nicht an das Bild denken sollen, das er und die schöne Gianna im ‚Peppino’ geboten hatten?

„Schsch“, machte er. „Lass uns einfach den Augenblick genießen, ja?“

Francesca stellte ihre Erinnerung ab und ihren Widerstand ein und überließ ihm ihre Hand. Während sie zum Strand unterwegs waren, versuchte sie sich über ihre Empfindungen klar zu werden. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Drang davonzulaufen, und einer bangen, sehnsuchtsvollen Erwartung.

Über eine Treppe gelangten sie an den Strand. Am Ufer stehend lauschten sie dem sanften Schwappen und Glucksen und beobachteten das verzerrte Spiegeln des Mondes auf der sich kräuselnden Wasseroberfläche.

In Francescas Bauch begann es zu kribbeln, als Adrian sie an sich zog. Wie lange war es her, dass ein Mann sie so im Arm gehalten hatte? Dass sie sich begehrt fühlte? Zu lange, sagte sie sich. Viel zu lange. Sie war jetzt sechsunddreißig und hatte nur mit zwei Männern geschlafen. Und beide hatten sich als Enttäuschung entpuppt.

Sie fragte sich wie es mit Adrian sein würde; sie wollte es wissen. Aber sie konnte sich nicht auf einen Mann einlassen, ohne ihre Gefühle zu beteiligen, und sie wusste schon jetzt, dass auch dieses Intermezzo schmerzlich für sie enden würde. Dennoch brach der Wunsch nach Zärtlichkeit, nach der zumindest kurzfristigen Illusion, einem Mann etwas zu bedeuten, übermächtig über sie herein. Sie fing zu zittern an.

 

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© Silvia Flür-Vonstadl