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Leseprobe

Die Geisel

Schlaftrunken richtete Anita sich im Bett auf. Durch die Ritzen in den Fensterläden stahlen sich grauweiße Lichtfinger in den Raum. Sie wusste nicht gleich, wo sie sich befand, und als es ihr wieder einfiel, erinnerte sie sich auch, dass ein Geräusch sie geweckt hatte.

Sie spitzte die Ohren. Nur Vogelgezwitscher, nichts anderes. Sie fühlte sich beklommen, wie schon am Abend beim Schlafengehen. Dies war nicht ihre erste Nacht in Alice’s Blockhütte, aber die erste, die sie hier allein verbrachte. Sonst hatte sie immer mit Alice, manchmal auch noch mit ein, zwei anderen Freundinnen hier übernachtet. Aber Alice war mit ihrem Freund zwei Wochen auf Urlaub und hatte sie gebeten, ab und zu beim Blockhaus nach dem Rechten zu sehen und bei länger ausbleibendem Regen die Blumen und Sträucher zu gießen. Gestern, am Samstag, hatte Anita sich entschlossen, zu der auf einem kleinen, von Nadelbäumen gesäumten Plateau stehenden Hütte, oberhalb von Obsteig, zu fahren und über Nacht zu bleiben. Sie wollte sich einen ruhigen, entspannten Sonntag gönnen.

Sie langte nach der Armbanduhr und hielt sie in einen staubumtanzten Lichtstrahl. Noch nicht einmal sieben. Wider Erwarten hatte sie gut geschlafen. Vielleicht zu gut – völlig wach fühlte sie sich aber immer noch nicht. So früh aufzustehen hatte sie eigentlich nicht vorgehabt, doch da sie nun schon mal aufgewacht war, konnte sie auch gleich die winzige Toilette hinter dem Haus aufsuchen. Das Bett knarrte, als sie sich erhob. Gähnend fuhr sie sich durch die Haare und streckte sich ausgiebig.

Sie tapste zur Tür, schob den Riegel zurück und sperrte das altmodische Schloss auf.

Die feucht-frische Luft, die ihr beim Öffnen der Tür entgegenströmte, wirkte belebend. Anita stieg von der Veranda und sah auf Obsteig hinunter. Das Dorf lag noch im Morgendunst.

Der Himmel glimmerte mehr grau als blau, die Luft roch würzig, und die Vögel schienen einen Zwitscher-Wettbewerb abzuhalten.

Auf dem Rückweg von der Toilette fiel ihr auf, dass sich die schwere Holztür, die sie zum Lüften weit offen gelassen hatte, selbständig gemacht hatte. Sie zuckte mit den Achseln. Ohne einen Stopper, der sie aufhielt, neigten manche Türen eben dazu, von selbst zuzufallen.

Nach zwei, drei Schritten in den Raum prallte sie erschrocken zurück. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie den mittelgroßen blonden Mann, der am Kachelofen lehnte, erkannte. „Was machen Sie hier?“

Der ungebetene Gast schien es mit einer Antwort nicht eilig zu haben. Sein Zögern reizte Anita. „Auch, wenn Sie mit Alice befreundet sind … Also, ich muss schon sagen, ich finde das reichlich unverschämt, hier in Allerherrgottsfrühe uneingeladen einfach hereinzumarschieren!“ Ihre Empörung wuchs, als sie merkte, wie er sie von oben bis unten abschätzend maß und dabei auch noch anzüglich zu grinsen anfing. Automatisch versuchte sie, durch Zupfen ihr oberschenkelkurzes Schlafshirt in die Länge zu ziehen.

„So sieht man sich wieder ... Anita.“ Gelassen ging er zum Bett und ließ sich auf das zerknitterte Laken fallen.

Anitas Verärgerung trat in den Hintergrund, und noch während sie ein ungutes Gefühl beschlich, fiel hinter ihr die Tür ins Schloss. Bestürzt wirbelte sie herum.

Ein zweiter Mann hatte ihr den Fluchtweg abgeschnitten. Anita kniff die Augen zusammen um in dem nunmehrigen Dämmerlicht besser sehen zu können. Obwohl er nur dastand, mit in den Hosentaschen versenkten Händen, überrieselte es sie kalt.

„Was ...?“ Bemüht, die beiden nicht merken zu lassen, wie eingeschüchtert sie war, wandte sie sich wieder dem Kerl auf dem Bett zu. „Bert, wenn ich mich richtig erinnere? Was hat das zu bedeuten?“

„Zum Anbeißen appetitlich“, kommentierte er, grapschte nach dem Kissen und schnüffelte daran, wie ein Hund, der Witterung aufnimmt. „Und sie riecht auch noch gut.“

Anitas Gedanken flogen kreuz und quer, Verunsicherung und einsetzende Furcht machten ihr zu schaffen. Nichts erinnerte mehr an jenen Mann, dem sie im Mai bei einer von Alice’s Grillparties hier auf der Hütte zum ersten Mal begegnet war, und den sie danach noch einmal zufällig bei einer Open-Air-Veranstaltung in der „Area 47“, im – laut Eigendefinition der Betreiber – weltweit größten Abenteuerspielplatz, am Eingang zum Ötztal gelegen, getroffen hatte. Weder bei der ersten, noch bei der zweiten Begegnung hatte es Anzeichen sexuellen Interesses seinerseits gegeben. Sie hatte ihn nur als freundlich und unterhaltsam in Erinnerung. Dieser Kerl da auf dem Bett aber war zweifelsfrei einem sexuellen Zwischenspiel nicht abgeneigt. Dass er nicht spaßte, bewiesen sein anzügliches Grinsen und der eindeutige Ausdruck in seinen Augen.

Nervös drehte sie sich nach seinem Begleiter um. Abgesehen davon, dass sein Blick jetzt nicht mehr auf ihr, sondern auf Bert lag, hatte er sich nicht gerührt.

Anita befürchtete, dass sie gleich zu zittern anfangen würde. Ihren Mut zusammennehmend, und ganz leise, um sich nur ja nicht durch eine kippende Stimme eine Blöße zu geben, fragte sie noch einmal: „Was hat dieser Überfall zu bedeuten? Falls ihr auf Geld aus seid, ich habe kaum was bei mir. Und ...“ Sie brach ab. Der Kerl an der Tür hatte den Schlüssel umgedreht, den Riegel vorgeschoben und nahm einen der Stühle in Beschlag. Er streckte die Beine aus, ließ einen Arm über das Rückenteil baumeln und schüttelte sich die kinnlangen dunklen Haare aus dem Gesicht. Anita fühlte sich von seinen Augen wie festgenagelt.

Sie witterte die Bedrohung, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, was die Männer bezweckten. Oder wollte sie es sich nur nicht eingestehen? Schlagartig setzte das erwartete Zittern ein. Automatisch suchte sie Halt an der Wand, von wo aus sie die beiden argwöhnisch beäugte.

Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Von allen Ängsten, von denen sie im Laufe ihrer dreiunddreißig Lebensjahre heimgesucht worden war, und das waren nicht wenige, hatte sie eine Vergewaltigung nie befürchtet. Jetzt und hier in Alice’s einsam gelegener Hütte, in der Gesellschaft dieser beiden Männer, von denen zumindest der eine sie mit den Augen verschlang, schien das nicht mehr so abwegig.

„Wollt ihr mir nicht endlich verraten, warum ihr hier seid?“ Intuitiv richtete sie ihre Frage an den ihr Unbekannten, von dem – zumindest bis jetzt – keine sexuelle Bedrohung auszugehen schien. Bisher hatte er ihrem Körper keinerlei Beachtung geschenkt. Die Beklemmung, die er in ihr verursachte, hatte einen anderen Ursprung, obwohl sie nicht hätte erklären können, welchen. Sein Schweigen machte die Situation nicht besser.

„Diego braucht einen Unterschlupf“, ließ Bert sich vernehmen.

„Einen Unterschlupf?“, wiederholte Anita verständnislos.

„Jawohl, einen Unterschlupf“, bestätigte er, nach wie vor schmierig grinsend. Er sprang vom Bett und kam näher. Ihr sofortiges Zurückweichen erfreute ihn sichtlich. „Er ist ...“

„Du redest zuviel.“ Zum ersten Mal hatte der Fremde seinen Mund aufgemacht. Ruhig, mit einem leichten Akzent ausgesprochen, war die Warnung dennoch nicht zu überhören. Bert verstummte und zog sich wieder zurück.

Wie suchend schaute Diego sich um und schoss dann seine Frage an Anita ab: „Gibt es hier ein Radio?“

Verneinend schüttelte sie den Kopf. Er begann vor sich hin zu fluchen, leise, fast flüsternd, was seinen Ausbruch umso beängstigender machte. Von diesem Mann ging die eigentliche Gefahr aus. Das verriet ihr sein Auftreten, aber vor allem sagte es ihr ihr Gespür. Und was noch verstörender war: Sie hatte das Gefühl, dass er genau wusste, welche Wirkung er auf sie ausübte.

„Setz dich“, forderte er sie auf.

Da sie nicht reagierte, fügte er hinzu: „Du hast nichts zu befürchten. Solange du dich benimmst.“

„Ich ... Ich möchte mich anziehen.“

Gleichmütig zuckte er mit den Schultern: „Bitte.“

In weitem Bogen ging sie um ihn herum zur Kommode, auf der ihre Kleidungsstücke lagen. Bert kam ihr zuvor, griff sich den Büstenhalter und zog ihn unter seiner Nase entlang. Ein Schauer überlief sie. ‚Perverses Schwein!’ Liebend gerne hätte sie ihm die Worte entgegengeschleudert, aber ihre Vernunft riet ihr, sich zusammenzureißen.

„Gerade die richtige Größe“, bewertete er und schnupperte genüsslich an dem Wäschestück, sich an ihrem vor Zorn und Scham geröteten Gesicht ergötzend.

Anita riss ihm den BH aus den Fingern und langte schnell nach Bluse und Hose. Ein Blick auf die Männer verriet ihr, dass sie nicht vorhatten, das Blockhaus zu verlassen, damit sie sich ohne Zuschauer anziehen konnte. Also kehrte sie ihnen den Rücken zu, stieg in die Hose und kämpfte unter dem Schlafshirt mit dem Büstenhalter. Als dieser endlich saß wo er sollte, gab sie sich einen Ruck, zog das Shirt über den Kopf, zerrte die BH-Träger über die Arme auf die Schultern und schlüpfte in die Bluse. Sie drehte sich wieder um, und reagierte mit einem aufgebrachten Schnauben auf Berts provozierendes Gehabe.

„Schau, schau, wer hätte gedacht, dass du so prüde bist.“

„Perverses Schwein!“ Diesmal sprach sie ihre Gedanken aus.

Es kostete ihn nur einen Lacher. „Wenn das in deinen Augen schon pervers ist, dann sollte ich dir vielleicht bei Gelegenheit zeigen, was wirklich ein bisschen abartig ist.“

Verächtlich drehte sie ihm den Rücken zu.

Berts Begleiter schien plötzlich gereizt. „Ich würde gerne die Nachrichten hören.“

„Das ist sicher ihr Wagen, den wir vorhin gesehen haben. Sie hat bestimmt ein Radio im Auto. Stimmt’s?“, wandte Bert sich erneut an Anita. Sein süffisantes Grinsen regte sie zunehmend mehr auf.

Sein Gefährte sah sie an. Widerstrebend nickte sie.

„Den Schlüssel. Bitte.“ Das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Auffordernd streckte er ihr die Hand entgegen.

Da Anita nicht riskieren wollte, dass er selbst in ihrer Tasche nachsah und dabei auf ihr Handy stieß, holte sie den Beutel, wühlte nach dem Schlüsselbund und nachdem sie ihn gefunden hatte, zog sie den Autoschlüssel vom Ring und warf ihn ihm zu. Er fing ihn auf und wandte sich zum Ausgang.

Reichlich spät merkte Anita, dass Bert nicht die Absicht hatte, seinen Freund zu begleiten. „Moment! Halt!“ Vor Aufregung klang ihre Stimme schrill, aber immerhin, ihre Schreie bewirkten, dass der Fremde stehenblieb.

„Was ist denn jetzt – warum geht er“, sie wies mit dem Kinn auf Bert, „nicht gleich mit? Ihr habt meinen Autoschlüssel, was wollt ihr denn noch?“

„Dich, Anita-Schätzchen“, kam es von Bert. Sein Begleiter hingegen fixierte sie mit starrem Blick, und als sie schon glaubte, er würde ihr eine Antwort schuldig bleiben, sagte er: „Ich komme wieder.“

„Du bist jetzt unsere Geisel, Schätzchen. Selbst wenn wir wollten, könnten wir dich nicht einfach laufenlassen.“

Berts Kumpan gab einen Laut von sich, der einem Fauchen nahekam. Anita fragte sich, womit Bert den Zorn seines Begleiters auf sich gezogen hatte, doch als sie sah, dass der Ausländer sich abermals zum Gehen anschickte, hielt sie ihn nochmals auf. „Warte. … Bitte!“

Der erste Blick auf diesen Fremden hatte ausgereicht, ihr eine Gänsehaut zu bescheren, und es bestand kein Zweifel, dass er gefährlich war, dennoch gab sie paradoxerweise ihm den Vorzug, wenn es darum ging, mit einem von ihnen allein in der Hütte zu bleiben. „Kann nicht er gehen? … Ich meine … Ich …“

Berts wieherndes Gelächter brachte sie zum Verstummen.

Es kam einem Befehl gleich, als sein Begleiter sagte: „Du lässt sie in Ruhe, verstanden?“ Die Tür schlug hinter ihm zu.

Sein Wort schien Gesetz. Anfangs konnte Bert sich ein paar Spötteleien nicht versagen, aber wenigstens ließ er sie sonst in Ruhe.

Die Minuten verstrichen. Anita wurde zunehmend unruhiger. Bert vertrieb sich die Zeit, indem er in dem von ihr mitgebrachten Lesestoff ungeniert herumstöberte. Zwischendurch bedachte er sie immer wieder mit lauernden Blicken. Anita tat, als merke sie davon nichts. Schließlich schlug er die Illustrierte, in der er geblättert hatte, zu und beförderte sie mit Schwung auf die Kommode. „Dir wird schon nichts geschehen.“

„Was du nicht sagst! – Was habt ihr eigentlich vor? Ihr wollt doch wohl nicht hierbleiben?“

„Doch, doch. Genau das haben wir vor“, antwortete er lächelnd.

„Und was ist mit mir? Wollt ihr mich hier festhalten, oder was?“

„Auch da lautet die Antwort: Genau das.“

Sie verspürte nicht geringe Lust, ihm ins Gesicht zu schlagen. Dieser Idiot weidete sich an ihrer Hilflosigkeit. Wie hatte sie ihn jemals sympathisch finden können? ‚Tolle Menschenkenntnis hast du, Anita, echt!’

„Aber wie schon gesagt: Solange du uns keine Schwierigkeiten machst, wird dir nichts passieren. Ich pass schon auf dich auf.“

Du passt auf mich auf? Ausgerechnet!“, stieß sie verächtlich hervor. „Und wie stellst du dir das nachher vor? Erwartest du allen Ernstes, dass ich mich von euch hier festhalten lasse und danach einfach wieder zur Tagesordnung übergehe? Dass ich nicht zur Polizei gehe?“

„An deiner Stelle würde ich mich zurückhalten, Schätzchen. Dir ist anscheinend noch immer nicht klar, in welcher Situation du dich befindest.“

Waren es seine Worte oder sein Ausdruck, die ihn auf einmal gefährlich erscheinen ließen? Hatte sie ihn unterschätzt? Nach ihren heutigen Erfahrungen hätte sie ihm zugetraut, dass er versuchen könnte, sich ihr aufzudrängen, ihr an die Wäsche zu gehen, hatte ihn sonst aber für ungefährlich gehalten. Nun aber sah sie ihn mit anderen Augen, und die Erkenntnis, dass dieser Mensch vor brutaler Gewalt nicht zurückschrecken würde, ließ in ihr erneut Angst entstehen.

Anscheinend war er ein Zuckerbrot-und-Peitsche-Typ – nachdem er ihr zu verstehen gegeben hatte, dass er das Sagen hatte, zeigte er sich wieder von der menschlicheren Seite. „Es ist nun mal, wie es ist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand hier sein könnte. Alice ist doch auf Urlaub.“ Er ging zum Fenster, öffnete den Laden einen Spalt und spähte hinaus.

Anita hielt es nicht mehr an ihrem Platz. Sie fing an, in dem kleinen Raum Runden zu drehen.

„Setz dich wieder hin. Das macht mich nervös.“ Er selbst blieb beim Fenster stehen. „Diego ist auf der Flucht. Er will ins Ausland abhauen, und ich werde ihn begleiten. Hier hält mich nichts.“ Er lauschte, als habe er etwas gehört. Anita beschlich der Verdacht, dass mehr dahinterstecken musste, wenn er sich einem Mann wie diesem Diego anschließen wollte, der – so ließen Berts Bemerkungen vermuten – nicht gerade in ein Bagatell-Delikt verwickelt war.

Bert fuhr fort: „Aber sollte es doch anders kommen, und etwas schiefgehen, hoffe ich, du legst bei den Bullen ein gutes Wort für mich ein.“ Da war es schon wieder, sein widerliches Grinsen.

Anitas Verärgerung überwog ihre Angst. „Warum sollte ich?“, fragte sie herausfordernd.

„Weil ich, mein Schätzchen“, leicht breitbeinig baute er sich vor ihr auf, „deine einzige Chance bin, wenn du das hier heil überstehen willst.“ Da sie sich nicht besonders beeindruckt zeigte, holte er zum Schlag aus: „Glaub mir, Diego schreckt vor Mord nicht zurück. Er ist ein Killer.“

Anita wurde blass. Zufrieden mit ihrer Reaktion, legte er noch etwas nach. „Er hat gestern einen Mann abgeknallt.“

„Was ...“ Das Schlucken bereitete Anita plötzlich Schwierigkeiten.

Emotionslos, so als wäre es für ihn nichts Abnormales, erzählte er bereitwillig weiter. „Er braucht dringend Geld und hat nicht lange gezögert, als er gefragt wurde, ob er diesen Kerl aus der Welt schaffen würde. Hat ihm ein hübsches Sümmchen eingebracht. Mich würde es nicht wundern, wenn er auch schon vorher irgendwelche Leute umgenietet hätte. Bei ihm muss man mit allem rechnen.“

 

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© Silvia Flür-Vonstadl