Der Naturbursch

Die beiden Radfahrer vor ihm wurden langsamer und langsamer und hielten schließlich an.
Im Vorbeistrampeln sah er, wie sie sich über die verschwitzten Gesichter wischten. 'Weicheier', dachte er herablassend. 'Kaum geht's einmal ein bisschen aufwärts, machen sie schon schlapp.'
Angespornt durch die 'Schwäche' der beiden, trat er noch kräftiger in die Pedale und kämpfte sich wacker weiter bergan.
Der Schweiß begann zu strömen, seine Kehle fühlte sich ausgedörrt an, aber was machte das schon?
Von hinten näherte sich ein Auto. Sekundenlang fühlte er sich regelrecht verfolgt, ehe der Wagen an ihm vorüber zog und ihn in eine Staubwolke hüllte.
Er brauchte beide Hände an der Lenkstange, sonst hätte er jetzt die Faust geschüttelt. 'Faules Pack! Bloß keinen Schritt zu Fuß gehen, aber freie Natur um sich haben wollen, das schon!'
Noch eine Viertelstunde harter Beinarbeit, dann hatte er sein Ziel erreicht. Für's Erste hatte er keinen Blick für das beeindruckende Panorama, das sich vor ihm auftat. Er riss sich den Helm vom Kopf, trocknete mit einem Tuch sein Gesicht und machte sich danach gierig über den Power-Drink her.
Bald darauf verspürte er ein gewisses Bedürfnis. Er lehnte das Rad an einen Felsen und trat näher ans Gebüsch. Mit seinem rechten Schuh tappte er in etwas. Er nahm Schuh und Boden genauer in Augenschein und gab einen lauten Fluch von sich. Dem ersten folgte eine ganze Reihe weiterer, während er damit beschäftigt war, seinen sündhaft teuren Radfahrer-Schuh zu säubern. 'Scheißköter, verdammte! Reicht es denn nicht, wenn sie sämtliche Gehsteige und Parkplätze in der Stadt verdrecken? Nein, - nicht einmal hier ist man vor der Hinterlassenschaft dieser vermaledeiten Viecher sicher!' Den schlimmsten Dreck putzte er im Gras ab, mit Papiertaschentüchern rubbelte er nach. Eine kleine Zellstoff-Pyramide am Wegrand zeugte von seiner Emsigkeit.
So, - besser ging es nicht. Jedenfalls nicht ohne Bürste, Seife und Wasser.
Endlich konnte er das in Angriff nehmen, was er ursprünglich beabsichtigt hatte , - bevor das Malheur mit dem Hundshaufen passierte.
Motorgebrumm ließ ihn den Kopf wenden. Schon wieder so ein vierrädriges Fahrzeug!
Also trat er vom Wegrand weg, weiter hinein ins Unterholz. Und viel hätte nicht gefehlt, und er wäre in einen Kuhfladen getreten! Ziemlich frisch übrigens. Diesmal blieb es bei einem einzigen Fluch. Er hatte es jetzt nur noch eilig. 

Die Rückfahrt verlief störungsfrei.
Allerdings musste er viel zu sehr auf den furchigen Schotterweg achten, da konnte er nicht auch noch gleichzeitig der Landschaft, die sich in wildromantischer Schönheit um ihn ausbreitete, seine Aufmerksamkeit widmen.
Sein Auto stand auf einem Grasstück vor einem umzäunten Maisfeld. Nachdem er sein Rad auf den Ständer verfrachtet und festgemacht hatte, setzte er sich auf den Holzzaun und genoss erst einmal in aller Ruhe eine Zigarette. Er inhalierte tief und sah den Rauchkringeln hinterher. Die hatte er sich wahrlich verdient!  Die erste Zigarette nach dieser anstrengenden Tour.
Den Stumpen ließ er fallen, und, verantwortungsbewusst wie er war, trat er ihn sorgfältig aus.
Im Auto fand er im Seitenfach noch einen Kaugummi. Er wickelte ihn aus, schob ihn sich zwischen die Lippen und wollte die Folie in den Aschenbecher stecken. Ach, Shit, der ging ja fast über!
Kurz entschlossen zog er den Ascher aus der Halterung, streckte den Arm nach draußen und kippte die Ladung ins Gras.
Dort am Zaun lag ja auch noch allerhand anderes Zeugs. Eine Plastikflasche, eine Windel, zwei Zigarettenschachteln, Papiertaschentücher und sogar Kondome. Da kam es auf ein paar Zigarettenkippen auch nicht mehr an.
Wen es störte, dem blieb es selbstverständlich überlassen, sich zu bücken und alles zusammen zu klauben.  
E r   war da nicht so kleinlich.
Und die Natur, - was die anbelangte, die war hart im Nehmen. Schon immer.

 

© by Silvia Flür-Vonstadl 2007

 


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